Veröffentlichungen


Fortsetzung einer großen Tradition

Gürzenich-Quartett mit Beethoven und Brahms

Kölner Stadtanzeiger vom 12.2.2013

Die deutschen Traditionsorchester haben allesamt ihre Kammermusik-Ensembles. Warum das ist, liegt auf der Hand: Nicht nur haben Tutti-Spieler hier die Gelegenheit, sich auch einmal solistisch zu präsentieren; vielmehr ist Kammermusik halt eine unerbittliche Erzieherin, die immer wieder Gelegenheit gibt, Technik, Ohren und geistige Präsenz zu justieren.
Das ist beim Kölner Gürzenich-Orchester nicht anders. Hier hat z.B. das einschlägige Streichquartett eine ehrwürdige Tradition, und eine neue CD präsentiert die aktuelle Zusammensetzung der Formation – mit dem Konzertmeister Torsten Janicke, der Violinistin Rose Kaufmann und dem Cellisten Joachim Griesheimer. Nur die Violastimme wurde nicht aus den eigenen Reihen besetzt (warum nicht?), hier wirkt als Gast Mechthild Sommer mit – dies übrigens sehr aktiv und durchaus nicht als graue Mittelstimmen-Maus.

Mit Beethovens A-Dur-Quartett opus 18/5 und Brahms’ Quartett opus 52/2 stehen zwei Werke auf der Agenda, die zig illustre Einspielungen auf dem Buckel haben. Eine heikle Wahl mithin, denn die so provozierten Vergleiche können leicht schon mal zuungunsten eines Nachzüglers ausfallen. Dieses Quartett braucht da freilich keine Angst zu haben, die auch technisch sehr gut balancierte Aufnahme erfüllt schönste Erwartungen.

Was Brahms anbelangt, so war das vielleicht zu erwarten – das Gürzenich-Orchester ist halt ein altes Brahms-Orchester. Dessen warmer, dunkler Grundklang schlägt unverkennbar auf den Sound des Quartetts durch. Im Mittelsatz des opus 52/2 etwa fließt Milch und Honig, das dichte kantable Legato in allen Stimmen ist herrlich. So bringt sich in Erinnerung, wie viel Schubert (und nicht nur später Beethoven) noch in diesem Brahms steckt, der oft genug wegen seiner fugenlosen Konstruktivität mehr geachtet und gefürchtet als geliebt wird. Das Ergebnis des obwaltenden Wohlklangs ist aber nicht Konturlosigkeit. Der Kontrapunkt kommt nachdrücklich, und die formale Disposition überzeugt durchweg. Die Impulse, die aus Erschöpfung und Reduktion immer wieder aufs Neue kommen, schaffen ein reich gegliedertes Kontinuum. Vorzüglich gelingt indes auch der eine ganz andere Farbe benötigende Beethoven. Das Gürzenich Quartett spielt es tatsächlich aus klassischem Geist – glasklar in Linie und Tongebung, eher sonnig im Charakter, teils behaglich, teils temperamentvoll, energisch federnd im Reiterrhythmus des ersten Satzes. Eine in jeder Hinsicht gelungene Einspielung mithin. Nur: Muss da im Brahms-Mittelsatz jemand so hingebungsvoll seufzen und stöhnen? (MaS)


Beethoven, Ludwig van / Johannes Brahms

String Quartet op. 18,5 A major / String Quartet op. 51,2 A minor
Interpret: Gürzenich Quartett Köln
Verlag/Label: Musikproduktion Dabringhaus und Grimm MDG 1732-2
Rubrik: CDs erschienen in: das Orchester 10/2012, Seite 74

Dass bis heute währen kann, was im 19. Jahrhundert Usus war! Ein Streichquartett, das sich allein aus Mitgliedern ein und desselben Orchesters zusammensetzt! Beim Gürzenich Quartett ist das so, und dies seit 1888. Dass aber ein solches Quartett auch zugleich mit so hoher Professionalität agiert und eine so feinsinnige gestalterische Vielfalt und einen solchen klanglichen Schliff an den Tag legt, wie es Torsten Janicke und Rose Kaufmann an den Violinen, Mechthild Sommer an der Bratsche und Joachim Griesheimer am Violoncello in ihrer jüngsten Einspielung von Beethovens A-Dur-Quartett op. 18 Nr. 5, gekoppelt mit Brahms’ a-Moll-Quartett op. 51 Nr. 2 unter Beweis stellen, ist erst recht ungewöhnlich.

Leicht und filigran, ohne es an der nötigen Vitalität fehlen zu lassen, gehen sie an den Einleitungssatz von Beethovens A-Dur-Quartett heran, sie schaffen ein lebendiges Gefüge voller Vielfalt und Gespanntheit, sie spielen mit diffizilster Färbung der Tongebung und sie arbeiten ein motivisches Profil voller rhetorischer Gestik und Erzählkunst heraus. Mit ihrer fein ausgeloteten, auch intonationsmäßig stets genau fokussierten stimmlichen Balance, ja, ihrer schlechthin edlen Tonschönheit gewährleisten sie eine plastische Transparenz der Textur. Der Hörer erfreut sich an der Subtilität der Schwerpunkt- und Akzentsetzung im Trio des diffizil durchgearbeiteten Menuetto, er bewundert die Weichheit, mit der das Gürzenich Quartett das Thema des Andante cantabile modelliert und er ist hingerissen von der gestalterischen Vielseitigkeit in den nachfolgenden Variationen dieses Satzes. Aufgelockert und leuchtkräftig weiß das Gürzenich Quartett den Finalsatz anzupacken, kontrastfreudig in der musikalischen Charakterisierung, deutlich in der Linienführung und selbst im dichten Gewebe noch durchsichtig gehalten.

In der Wiedergabe von Brahms’ a-Moll-Quartett fasziniert in dessen Kopfsatz das Spiel der Interpreten mit den unterschiedlichsten Ausprägungen der Leidenschaftlichkeit. Da wird das hier sonst so oft mit Pathos aufgeladene Temperament gedrosselt zugunsten eines feinsinnigen Entwicklungsbogens, sensibler Lebhaftigkeit und dynamischer Gespanntheit. Die Künstler wissen hier, wenn sie einen Moment lang die in den Fokus genommenen Stimmen aufleuchten lassen, ein äußerst fein gewobenes Spiel gleich einem lebendigen Organismus zu präsentieren, alles hoch überlegt durchgestaltet und von tiefer analytischer Durchdringung und Durchhörbarkeit geprägt. Im mit großer Wärme und doch vollkommen transparent gehaltenen Andante moderato gefällt der stets glaubwürdig gelungene und genau das richtige Maß haltende Übergang in dessen dramatische Momente, im dritten Satz vermag sich das Ensemble wohltuend von jeder Überzeichnung freizuhalten, um doch nie etwas von der nötigen Prägnanz der Ausdrucksgebung preiszugeben. Hervorragend weiß das Gürzenich Quartett dabei die Logik der inneren Rhythmik der Architektur des Satzes ins rechte Spannungsverhältnis zu bringen. Überzeugungskräftig ist auch die Darstellung des Finalsatzes gelungen: Mit viel Feingefühl, schlüssig und ausgewogen wird hier der entwicklungsreich angelegten Satzstruktur nachgespürt.

Thomas Bopp